Pressemitteilung vom 17.02.2010
zurückGerichtsentscheidung stärkt Diktaturaufarbeitung
Das Landesgericht Dresden entschied in einem Prozess, der gegen die Dissertationsschrift einer Stipendiatin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur angestrengt worden war, zugunsten der Wissenschaftsfreiheit.
In ihrer Dissertation „Pietismus im Sozialismus. Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR“ analysiert die Bielefelder Historikerin Hedwig Richter Handlungsmöglichkeiten einer Kirche unter den Bedingungen des Staatssozialismus. Eine in dem Buch als Informant der Staatssicherheit bezeichnete Person stellte einen Antrag auf einstweilige Verfügung mit der Begründung, ihre umfangreiche Stasi-Akte sei in wesentlichen Teilen eine Erfindung des MfS. Diesen Antrag wies das Gericht zurück. Ausdrücklich stärkt das Urteil (Landgericht Dresden Aktenzeichen 3 O 2987/09 EV) vom 4. Februar 2010 die Wissenschaftsfreiheit und den Auftrag der Geschichtsschreibung zur „Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit, zumal hier auch das Grundrecht der freien Meinungsäußerung tangiert wird“.
Die Herrnhuter Brüdergemeine gilt als die bedeutendste Gemeinschaft, die der Pietismus hervorgebracht hat. Wie gelang es der Brüdergemeine unter den Bedingungen der SED-Diktatur zu überleben? Für entscheidend hält die Autorin die »Traditionserfindung« (Eric Hobsbawm) der Herrnhuter, ihre Fähigkeit, das pietistische Erbe an die jeweilige Obrigkeit anzupassen und damit zugleich zu bewahren. Um diese Traditionserfindung zu verstehen wird auch die Vorgeschichte in den Blick genommen, insbesondere die bisher noch nicht untersuchte NS-Zeit. Hedwig Richter wirft allgemeine Probleme des Verhältnisses zwischen Herrschaft und Gesellschaft in der SED-Diktatur auf und behandelt darüber hinaus transfergeschichtliche Fragen, da die Tradition der Internationalität gerade in der DDR eine neue Bedeutung erlangte.
Hedwig Richter: „Pietismus im Sozialismus. Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR“, Göttingen: Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 2009
Für weitere Informationen steht Ihnen Dietrich Wolf Fenner, Pressesprecher der Bundestiftung Aufarbeitung, unter Tel. 030/31 98 95 - 225 gerne zur Verfügung.
Berlin, 17. Februar 2010

